Eine Art Hassliebe zur Bürokratie


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llensbach-Analyse

Eine Art Hassliebe zur Bürokratie



16. Mai 2007 
Wahrscheinlich haben die Deutschen zu keinem anderen Berufsstand ein so gespaltenes Verhältnis wie zum Beamtentum und zum öffentlichen Dienst. Die politischen Parteien haben das Ziel des Bürokratieabbaus auf ihre Fahnen geschrieben, fast jeder Bürger weiß Geschichten über tatsächliche oder empfundene Behördenwillkür zu erzählen, Beamtenwitze sind fester Bestandteil des Volksgutes.

Zugleich scheint die Aura der Verlässlichkeit, der Ordnung, der Legitimität und des Rechts die Begriffe „Ämter“, „Behörden“ oder „Beamte“ zu umgeben. In seinem trockenen Tonfall stellte Kurt Tucholsky im vergangenen Jahrhundert fest, es sei Deutschlands Schicksal, vor dem Schalter zu stehen - und sein Ideal, dahinter zu sitzen.

Negative Assoziationen

Die vielschichtige Haltung zu Ämtern und Amtsinhabern ist wahrscheinlich nicht auf Deutschland beschränkt, und sie ist nicht neu. Theodor Mommsen schrieb vor rund 150 Jahren über die Revolutionäre in der Römischen Republik, es sei ihnen nicht um die Begrenzung der Staats-, sondern um die der Beamtenmacht gegangen. Ein solcher Respekt vor den Ämtern bei gleichzeitigem Misstrauen gegen ihre Inhaber zieht sich auch durch die Ergebnisse der Repräsentativumfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Mai 2007 im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Haltung der Deutschen zu Behörden und ihre Einstellung zur Bürokratie durchgeführt hat.

Auf den ersten Blick scheint der Begriff „Behörden“ überwiegend mit negativen Assoziationen verbunden zu sein. 89 Prozent der Deutschen denken dabei an unverständliche Formulare, 70 Prozent an „Dienst nach Vorschrift“, 67 Prozent an die Steuererklärung. 58 Prozent sagen, sie dächten bei dem Stichwort „Behörden“ an müde Beamte. Der Begriff „Gerechtigkeit“ kommt dagegen nur knapp einem Viertel der Deutschen in den Sinn, allerdings denken 55 Prozent bei dem Stichwort „Behörden“ an Recht und Ordnung.

Negativer fallen die Antworten aus, wenn statt nach „Behörden“ nach „Bürokratie“ gefragt wird. Die Antworten auf die Frage „Finden Sie, wir haben in Deutschland zu viel Bürokratie, oder würden Sie das nicht sagen?“ sind eindeutig: 84 Prozent sind der Ansicht, es gebe in Deutschland zu viel Bürokratie, nur 7 Prozent widersprechen.

Vor allem die Nachteile der Bürokratie werden gesehen

Daran, dass Bürokratie bei allen Nachteilen, die sie für den Bürger bedeutet, vor allem ein Element der Rechtssicherheit ist, denken nur wenige. Dies zeigt sich an den Ergebnissen einer Dialogfrage, bei der den Befragten zwei Argumente schriftlich zur Auswahl vorgelegt wurden. Das erste lautete: „Eine gewisse Bürokratie ist zwar unvermeidlich, aber was bei uns passiert, ist einfach zu viel. Für alles und jedes werden Regeln und Kontrollen erfunden. So erstickt das Land in Bürokratie.“ Die Gegenposition lautete: „Behörden und Kontrollen sind notwendig. Sie sorgen dafür, dass wir in Deutschland sicher leben können und das öffentliche Leben gut funktioniert.“

70 Prozent der Befragten stimmten der ersten, nur 21 Prozent der zweiten Meinung zu. Eine andere Variante der Frage, bei der im zweiten Argument ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass Gesetze und Regeln dazu beitragen, den Bürger abzusichern und vor staatlicher Willkür zu schützen, führte fast zu den gleichen Ergebnissen. Hier sagten 66 Prozent der Befragten, es gebe zu viel Bürokratie in Deutschland, nur 22 Prozent ließen sich vom Argument des Schutzes vor staatlicher Willkür überzeugen. In einer weiteren Dialogfrage stimmten sogar 43 Prozent der Befragten der Behauptung zu, Bürokratie bedeute nicht die Versicherung vor staatlicher Willkür, sondern sei umgekehrt erst deren Ursache: Die Ämter benutzten Paragraphen und Vorschriften, die niemand verstehen könne, um mit den Bürgern zu machen, was sie wollten.

Positive eigene Erfahrungen

Angesichts dieser Ergebnisse könnte man den Eindruck gewinnen, die Erfahrungen der Deutschen mit Behörden seien durchweg negativ. Doch der unübersehbaren heftigen Abneigung gegenüber der Bürokratie im Grundsätzlichen stehen nicht ganz so negative persönliche Erfahrungen im Umgang mit staatlichen Stellen gegenüber. 40 Prozent derer, die in den letzten Jahren eine Behörde aufgesucht haben, sagen, dabei sei alles schnell und unkompliziert verlaufen, etwas weniger, 35 Prozent, erinnern sich an umständliche bürokratische Prozeduren. Dabei gibt es deutliche Unterschiede, je nachdem, mit welcher Behörde jemand zuletzt Kontakt hatte. Während 46 Prozent derjenigen, die zuletzt mit der Stadt- oder Gemeindeverwaltung zu tun hatten, von unkomplizierten Kontakten berichten, sind es beim Arbeitsamt nur 15 Prozent.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung hat durchaus wahrgenommen, dass sich in den letzten Jahren viele Ämter um mehr Bürgerfreundlichkeit bemüht haben. Auf die Frage „Wie ist Ihr Eindruck: Hat sich der Service der Ämter und Behörden in den letzten zehn Jahren verändert, oder hat sich da wenig verändert?“ antworteten 38 Prozent der Befragten, ihnen seien Veränderungen aufgefallen, wobei die meisten auf Veränderungen zum Besseren verwiesen.

50 Prozent stimmten der Aussage zu, die Mitarbeiter in den Ämtern und Behörden seien „meistens ganz nett und hilfsbereit“, und dass dies nicht immer so wahrgenommen werde, liege daran, dass die Mitarbeiter an viele Vorschriften und Paragraphen gebunden seien. 37 Prozent meinten sogar, die Behörden seien heute „ganz anders als früher“ und würden „immer mehr moderne Dienstleistungsunternehmen, die sich um den Bürger bemühen“.

Dennoch überwiegen alles in allem die negativen Eindrücke. Auf die Frage „Haben Sie sich in den letzten fünf Jahren mal über zu viel Bürokratie in einem Amt oder einer Behörde geärgert, oder ging Ihnen das nicht so?“ antwortete eine deutliche Mehrheit von 55 Prozent, sie hätte sich in dieser Zeit einmal über eine Behörde geärgert.

Fragte man nach den Ursachen des Ärgers, sagten die meisten von denen, die eine genaue Antwort gaben, sie hätten sich über die Menge der vom Amt geforderten Unterlagen und Formulare geärgert. Knapp dahinter, an zweiter Stelle, stehen Klagen über lange Wartezeiten, gefolgt von Hinweisen auf unfreundliches, herablassendes Verhalten der Behördenmitarbeiter und mangelnde Bereitschaft, auf die Probleme des Bürgers einzugehen.

Trotz aller Unmutsbekundungen scheint ein großer Teil der Bevölkerung bereit zu sein, die Nachteile eines bürokratischen Staates in Kauf zu nehmen, wenn dieser das Gefühl der sozialen Sicherheit bietet. Darauf deuten die Ergebnisse von Fragen hin, bei denen die Befragten gebeten wurden, sich zwei Staaten vorzustellen. Einen, der sich „stark um die Bürger kümmert, sie umfassend absichert und in die Wirtschaft eingreift, sobald es Schwierigkeiten gibt. Dafür zahlt man hohe Steuern und es gibt viel Bürokratie.“ Der andere Staat dagegen halte sich aus der Wirtschaft heraus und übernehme für die Bürger nur die notwendigsten Absicherungen. Dafür seien die Steuern niedrig, und es gebe wenig Bürokratie.

Auf die Frage, in welchem dieser Staaten sie lieber leben möchten, entschieden sich 37 Prozent für den fürsorglichen und bürokratischen, 47 Prozent für den zurückhaltenden und wenig bürokratischen Staat. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung gestand Letzterem auch zu, dass er den Bürgern mehr Freiheit und Wohlstand biete. Doch gleichzeitig zeigte sich die Mehrheit davon überzeugt, dass das bürokratische Staatswesen alles in allem das gerechtere und menschlichere sei.

Damit steht aus Sicht der Bevölkerung Freiheit letztlich im Konflikt mit Menschlichkeit. Den meisten Menschen dürfte der Konflikt nicht bewusst sein, doch das macht ihn nicht weniger bedeutend. Grundlagenstudien des Allensbacher Instituts zur Freiheitsorientierung der Bevölkerung haben gezeigt, dass viele Deutsche im Zweifelsfall der als besonders menschlich und gerecht empfundenen sozialen Sicherheit den Vorzug gegenüber der Freiheit geben, auch wenn dies mit mehr Bürokratie verbunden ist.

Die Deutschen empfinden ihren Ämtern gegenüber offenbar eine Art Hassliebe. Das Bedürfnis nach festen, staatlich kontrollierten Regeln des öffentlichen Lebens hat sich in den Ergebnissen der Demoskopie immer wieder gezeigt. Ein Beispiel ist die Neigung der Bevölkerung, nahezu alle gesamtgesellschaftlichen Aufgaben, von der Schule über die Kinderbetreuung, den Umweltschutz, die Alterssicherung und den Wohnungsbau bis hin zur Lohnpolitik, als staatliche Aufgabe zu begreifen. Man kann darüber spekulieren, ob es eine spezifisch deutsche Eigenschaft ist, sich mit allerlei bürokratischen Regeln gegen etwaige Lebensrisiken abzusichern. Jedenfalls hat ein erheblicher Teil derer, die sich über die Neigung der Ämter zu langen Formularen beklagen, im privaten Leben keine Probleme mit vergleichbaren Verfahren. Dies zeigen die Antworten auf die Frage: „Kürzlich sagte uns jemand: ,Wenn möglich, lasse ich mir alles schriftlich geben. Dann kann mir hinterher niemand die Schuld geben, wenn etwas schiefläuft.' Würden Sie sagen, das ist auch Ihre Haltung, oder würden Sie das nicht sagen?“ 56 Prozent der Befragten sagten: „Das ist auch meine Haltung.“

Text: F.A.Z., 16.05.2007, Nr. 113 / Seite 5
Bildmaterial: F.A.Z.

 

__________________________________________________ Bin ich froh, dass ich die Nero-Filme gesehen habe, sonst würde ich heute noch nicht wissen, dass der Peter Ustinov Rom angezündet hat.

 

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