Was ist tabu? Anmerkungen zum Umgang


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16.11.03 16:24
Das politische Tagebuch:
Was ist tabu? – Anmerkungen zum Umgang miteinander
Von Claus-Dieter Gersch

Viele Meinungen, viele Anschauungen, viele auch ganz persönliche Erfahrungen mit ein und demselben Thema. Aber es ist nicht das ganze Spektrum der Meinungen und Anschauungen.
Wir haben Ihnen, meine Damen und Herren, einen Teil vorenthalten – und das ist richtig so. Wir hätten es nicht verantworten können, hätten uns zudem strafbar gemacht, wären wir nach dem journalistischen Strickmuster vorgegangen: alle zu Wort kommen lassen. Nein, auf einen Teil haben wir verzichtet. Warum? Weil er tabu ist?

Was ist ein Tabu? Ursprünglich verstand man darunter Verbote, vor allem aus dem religiösen und dem sexuellen Lebensbereich; Tabus auch als Regelsysteme, die schliesslich die Gesetze bestimmten. Längst aber ist es ein Tabu, wenn man über ein Thema nicht sprechen sollte, nicht sprechen darf, wenn es sich nicht gehört, darüber zu sprechen.

Von Interesse dazu ist eine Forsa-Umfrage des "stern" unter der Überschrift "Was ist tabu?" Unter dem Eindruck der wochenlangen Diskussionen hat diese Umfrage ergeben, dass 40 Prozent der Deutschen meinen, man könne über bestimmte Themen nicht unbefangen reden. Von diesen 40 Prozent sagen 65 Prozent, dass man nicht über die Juden reden könne.

Wie mag das gemeint sind? Will man über die Juden reden – oder mit ihnen? Will man über ihre Gebräuche, Anschauungen reden, weil man ja auch über die Börsenkurse und das Wetter redet? Oder will man mit ihnen reden, weil man ein Interesse hat an ihnen, weil man teilnehmen möchte an ihrem Leben? Hier liegen die feinen, aber so wichtigen Unterschiede. Es ist gut, miteinander zu reden. Man muss nicht. Aber gut und richtig ist es, miteinander zu reden.
Wenn gar 78 Prozent der Deutschen meinen, dass die etablierten Parteien bestimmte Themen und Probleme nicht aufgreifen und darunter folgende nennen:
Israel und der Nahostkonflikt, Ausländer und Zuwanderung, Nationalismus und Weltkrieg sowie Juden und Antisemitismus – dann kann man darüber nicht so ohne weiteres hinweggehen.
Denn genau das ist der Stoff, aus dem der Hass entsteht, wenn es extremen politischen Gruppen gelingt, diese Themen zu besetzen und die
entsprechende Klientel zu bedienen. Hier sind wir möglicherweise an jenem Punkt angelangt, an dem die liberalen 18-Prozent-Erfinder vor Monaten standen, als sie ihre Wahlkampf-Strategie festlegten und – zunächst – scheiterten.

In den vergangenen Tagen und Wochen ist oft gefragt worden: Was ist
Antisemitismus? Wo fängt er an, wo hört er auf? Was darf man fragen – und was darf man nicht? Wenn Kinder so fragen, dann freut man sich über ihre Neugier. Wenn Erwachsene so fragen, dann wundert man sich über ihr Unwissen;
dann klingt dieses "Man wird ja mal fragen dürfen – merkwürdig nach: Man wird ja mal darüber reden dürfen. Das harmlos daher kommende: Man wird ja mal ... . Aber geht es hier um einen Tabu-Bruch? Oder ist es Unwissen, ja Nichtwissenwollen?ഊWir haben gelernt, genauer hinzuhören. Wir haben eines vermisst in diesen Tagen:
eine Instanz, eine Autorität – einen Weisen, der uns mit ein paar Worten, einer Geste weiterhilft in diesem Getöse.

Quelle http://www.dw-world.de/dwelle/cda/detail/...,3830,570251_31035,00.pdf

Grüße

NL    

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